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Religion im Zusammenhang mit den islamistischen Attentat in Paris (langer Text) - Mac-TV.de
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  #1  
Alt 16.11.2015, 05:30
Jörn Jörn ist gerade online
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Registriert seit: 05.01.2008
Beiträge: 8.483
Religion im Zusammenhang mit den islamistischen Attentat in Paris (langer Text)

In der letzten Sendung habe ich ein paar Bemerkungen zum Attentat in Paris gemacht, und natürlich kommt man da nicht am Thema Religion vorbei.

Wie zu erwarten gab es viele Kommentare, die meisten konstruktiv, aber manche auch ziemlich patzig -- vor allem von Leuten, die reflexartig um sich schlagen, wenn es jemand wagt, kritische Gedanken zur Religion zu äußern. Ich finde es eigentlich ziemlich bedrückend, dass über so wichtige Themen keine vernünftige Debatte zustande kommt, und wenn es Leute gibt, die aktiv danach trachten, diese Debatte im Keim zu ersticken.

Eigentlich habe ich einen gewissen Respekt vor Religion und religiösen Menschen, insofern sie auf der Suche sind nach den "großen Antworten". Ich finde das ehrenwert, auch wenn ich vielleicht nicht mit den Schlussfolgerungen übereinstimme.

Aber dieser Respekt ist ziemlich theoretisch, denn in der Praxis habe ich noch nie einen religiösen Menschen getroffen, der tatsächlich auf der Suche war nach irgendeiner Wahrheit oder Erkenntnis. Stattdessen waren sie stets auf der Flucht vor allem, was ihren Glauben eventuell erschüttern könnte. Das ist kein respektables Verhalten.

Man kann nach einer solchen Serie an religiös motivierten Gewalttaten nicht so tun, als hätte die Religion nichts damit zu tun, und als sei es eine rein strafrechtliche Angelegenheit, die durch den Einsatz von Polizei oder Militär geregelt werden könnte.

Eine Idee kann man nicht beseitigen, indem man sie für illegal erklärt. Man muss sich mit der Idee selbst beschäftigen. Einem Moslem, der auf der Kippe zum Radikalismus steht, sollte man nicht aus dem Gesetzbuch vorlesen, sondern man sollte mit ihm über Religion sprechen (oder besser noch über die Erkenntnisse der Wissenschaft, die religiöse Fragen betreffen).

Also was wollte ich in der Sendung vorschlagen?


Ich wollte in der Sendung eigentlich nur vorschlagen, dass man das (in Deutschland herrschende) Tabu bewusst brechen sollte, welches vorschreibt, sich nicht zur Religion zu äußern. Stattdessen bin ich für eine offene Debatte: freundlich, respektvoll, aber in der Sache hart -- genauso wie wir auch über alles andere diskutieren.

Damit meine ich nicht, dass man den Leuten das Recht auf ihre Religion oder ihren Aberglauben absprechen sollte. Denn ich bin unbedingt für Religionsfreiheit, weil es zur Meinungsfreiheit gehört, und dazu wiederum gehört die Tatsache, dass es eine Vielfalt an Meinungen gibt.

Zur Meinungsfreiheit gehört aber ebenso, dass man die Meinungen anderer Leute herausfordern darf. Das ist weder unhöflich noch ungehörig.

Beispielsweise, wenn ein Klosterbruder in Mönchskutte in einer Talkshow ganz besonders salbungsvoll über *Irgendwas* redet und dabei göttliche Autorität vorgibt, dann wird im deutschen Fernsehen eine kritiklose Unterwürfigkeit an den Tag gelegt, die ich nicht angemessen finde. Ich bin dafür, dass man die Behauptung, jemand spräche mit göttlicher Autorität, kritisch herausfordert.

Wer weiß? Vielleicht spricht er ja wirklich mit göttlicher Eingebung. Und dann würden wir unbedingt die Gelegenheit nutzen wollen, ein paar Fragen zu ungelösten Rätseln der Physik oder Chemie zu stellen. Auf der anderen Seite, falls sich herausstellen sollte, das der Mönch nur ein Scharlatan wäre, dann würden es ja vor allem die Gläubigen wissen wollen. Man will schließlich nicht den falschen Leuten hinterher laufen und sich blamieren.

Ein anderes Beispiel: Wenn ein Politiker sich allen Ernstes auf den Mythos von "Adam und Eva" beruft (ich habe das mit eigenen Ohren auf einem CSU-Parteitag gehört, der im TV übertragen wurde), dann tut er es, um sich in ein besonders rechtschaffenes und moralisches Licht zu stellen. Meine Anregung besteht darin, sowohl dem Politiker als auch den Zuschauern die atemberaubende Absurdität dieser Aussage vor Augen zu halten -- möglicherweise entscheiden diese Politiker irgendwann über Krieg und Frieden.

Es ist das gute Recht dieses Politikers, seine These von Adam und Eva (und warum er eine konkrete politische Frage damit verbindet) zu verteidigen und Gründe dafür zu nennen. Es ist außerdem das gute Recht des Wählers, zu wissen, ob er womöglich aus Versehen einen Politiker gewählt hätte, der an den Klapperstorch glaubt (und sich damit sogar noch auf einem Parteitag beklatschen lässt).

Dieser sachliche, aber harte Diskurs ist derzeit tabu, und das finde ich nicht in Ordnung.

---------



Das Thema kam auf, weil in der Sendung kurz über das Attentat in Paris gesprochen wurde. Wo ist der Zusammenhang?

Der Zusammenhang besteht für mich darin, dass der islamistische Terror auf religiösem Aberglauben beruht. Nun könnte man meinen, dass es einen "friedlichen Glauben" (etwa das heutige Christentum) und eben auch "kriegerischen Glauben" (bestimmte Sektierungen des Islams) gibt, und dass die Moslems sich eben nur "im Glauben weiterentwickeln" müssten, um ebenfalls modern und friedlich zu werden. Das Problem ist allerdings, dass "Glaube" nicht auf diese Weise funktioniert.

Glaube ist nicht steuerbar und ist nicht verhandelbar. Das Wort Gottes kann nicht durch Menschen verändert werden -- jedenfalls ist das die Logik der Gläubigen, und ich finde das auch einleuchtend. Im Christentum hat man sich daran gewöhnt, dass nur sehr wenige Bibelstellen (nämlich die schönen) noch berücksichtigt werden. Beispielsweise würde man nicht mehr seine Ehefrau steinigen oder den Söhnen die Köpfe abschlagen, weil sie gegen Jehova zürnten oder geflucht haben.

Aber was will man jenen Gläubigen entgegnen, die auf dem Standpunkt stehen, dass das Wort Gottes ohne Wenn und Aber befolgt werden müsse? Im Grunde sind diese Leute nur konsequent und damit logisch. Die Radikalen argumentieren, dass wir es sind, die unlogisch handeln und das Wort Gottes nicht konsequent befolgen. Und da haben sie recht. Das ist das Dilemma.

Der entscheidende Punkt ist für mich dieser: Es ist in weiten Teilen Zufall, was am Ende herauskommt. Wenn man mal den "gesunden Menschenverstand" beiseite gelegt hat, dann kann alles mögliche dabei herauskommen. Jemand bekommt eine Erleuchtung und wird daraufhin zum Einsiedler. Ein anderer bekommt eine Erleuchtung und zieht in den Krieg. Beides ist gleichermaßen logisch wie unlogisch.

Es ist logisch, weil es konsequent einer "göttlichen Eingebung" oder "Anweisung" folgt. Immerhin ist die Folgsamkeit der zentrale Glaubensinhalt des Islams und des Christentums. Es gleichzeitig unlogisch, weil das Einsiedler-Dasein keinen erkennbaren Nutzen bietet, ebenso wie der Krieg (der üblicherweise das eigene Leben beendet).

Der Glaube ist deswegen ein gefährliches Würfelspiel, eine Art russisches Roulette. Es kann gut ausgehen oder fatal enden. Selbst die Anhänger einer einzigen Glaubensrichtung können entweder betont friedlich oder betont militant reagieren, selbst wenn sie es mit der exakt gleichen Textstelle begründen.

Man muss sich wirklich klar darüber werden, was es in der Praxis bedeutet: Während sich nämlich alle Menschen mit Verstand ausnahmslos und überall auf dem Planeten einig sind, dass die Sprengung der eigenen Person unvorteilhaft ist, sind sich religiöse Menschen überall auf dem Planeten in genau dieser Frage uneinig. Und deswegen darf man ihnen diese Frage nicht überlassen, auch wenn es ansonsten teilweise nette Nachbarn sein mögen.

Das einzige, was hier tatsächlich helfen kann, ist der Verstand und das Erkennen einer objektiven, nachprüfbaren, sachlichen Wahrheit. Für den klaren Verstand ist es töricht, sich in die Luft zu sprengen, egal ob in Bagdad oder Paris. Die Menschen in Bagdad oder Paris mögen aus komplett unterschiedlichen Kulturen stammen, aber wenn sie den Verstand einschalten, ist für beide Kulturen offensichtlich, dass ein Attentat dumm ist.

Gerade weil wir große kulturelle Unterschiede auf dem Planeten haben, ist es dringend geboten, einen gemeinsamen Nenner zu finden, auf den wir uns selbst bei größten Differenzen einigen können. Und das ist der Verstand.

Es ist auch der Streit und die Debatte. Aber wenn diese Debatte mit Verstand und den Regeln der Wissenschaft geführt wird, dann wird am Ende für alle das gleiche nachprüfbare Ergebnis herauskommen. Und diese Einigkeit müssen wir suchen, anstatt uns einen schmalzigen Aberglauben zu genehmigen, der uns am Ende alle in den Abgrund reißt.

Deswegen ist meine Meinung dazu nicht: die Moslems haben den falschen Glauben. Oder: der Islam muss reformiert werden. Sondern nach meiner Meinung ist es der Glaube per se, der ein Problem darstellt, weil sein Ergebnis sich der Vernunft entzieht, und somit die fürchterlichsten Dinge geschehen können, ohne dass man es steuern könnte.

---------


Die "moderate" Religion ist leider der Nährboden für den Radikalismus. Wenn am Sonntagmittag in ARD und ZDF die Orgeln flöten und die Engel singen; wenn der Pfarrer in Jeans (evangelisch) oder in rosa Mützchen (katholisch) vom Paradies schwärmen und von Wundern berichten; wenn die heilige Märchenwelt so schön und süß serviert wird -- dann muss man sich nicht wundern, wenn manche Leute es tatsächlich glauben.

In diesen magischen Zaubergarten werden Leute einziehen. Man kann das gar nicht verhindern. Gerade jene Leute, die sich mit besonderer Hingabe in die alten Texte vertiefen, werden sehr schnell jene Textstellen finden, in denen von Mord und Totschlag die Rede ist -- im Koran ebenso wie in der Bibel. Und es werden sich Leute finden, die das für sich auszunutzen wissen.

Man kann dem nicht beikommen, indem man die verirrten Schäflein väterlich belehrt, Mohammed sei eben gar nicht mit einer Leiter in den Himmel gestiegen, stattdessen wäre Jesus nämlich mit zwei Engeln in den Himmel geschwebt. Das eine ist so absurd wie das andere.

Aus diesem Grund ist es so schwierig, die Wurzel des Terrors zu bekämpfen. Die Wurzel ist ein absurder Aberglaube. Aber da wir selbst einen eigenen absurden Aberglauben pflegen, können wir schlecht verlangen, dass die Moslems ihren Irrtum einsehen, während wir weiter die jungfräuliche Geburt für wahr halten.

Sowohl die muslimische als auch die christliche Gesellschaft befindet in einer Schach-matt-Situation, weil sie, um Frieden zu schaffen, die Grundlage ihres Glaubens infrage stellen müssten -- und das werden sie nicht tun. Eher geht die ganze Welt unter. Aber für manche Leute ist das gar keine Drohung.

Und das ist der Punkt, an dem vernünftige Leute zu Wort kommen müssen, die diesen ganzen Irrsinn mal beim Namen nennen.

Deswegen habe ich für mich entschieden, dass ich ab sofort Gebrauch mache von meiner Meinungsfreiheit. Sollte ein Politiker seine Ansichten zum Eherecht mit Adam und Eva begründen, werde ich unter dem Artikel einen Kommentar verfassen, in dem die Erkenntnisse der Wissenschaft dagegen gestellt werden. Sollte Norbert Blüm in einer Talkshow damit prahlen, dass er so folgsam und ach-so-rechtschaffen ist und sogar vorm Schlafengehen im Alten Testament liest, dann werde ich mich zu Wort melden mit den drei dümmsten Textstellen eben dieses Buches, und ich werde ihm womöglich mitteilen, dass er als erwachsener Mensch im Jahr 2015 nicht stolz zu sein braucht auf seine Ignoranz. (Obwohl mir die Aussagen von Norbert Blüm zum Humanismus meistens sehr gefallen -- ich hab' ja nicht gesagt, dass ich nicht auch mal Lob aussprechen kann.)

Geändert von Jörn (16.11.2015 um 06:47 Uhr).
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  #2  
Alt 16.11.2015, 07:33
tortentor tortentor ist offline
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Hallo Jörn,

ich habe noch nicht die gestrige Sendung gesehen, möchte aber dennoch etwas zu Deinem Kommentar sagen.

Ich bin ganz bei Dir, wenn Du dem CSU-Barden etwas entgegen hältst. Jedoch bist Du mit Deiner Argumentation in seiner Denkweise verfangen.

Den Glauben, wie auch immer ausgelegt, als Ursache für die momentanen Probleme zu sehen, halte ich für falsch. Der Terrorismus bedient sich dem Glauben oder anderer ideologischer Gedanken. Die Ursachen für einen Terrorismus sind vielschichtiger und spezifisch. Oft fühlen sich Leute ungerecht behandelt, erniedrigt usw. und meinen mit Gewaltmitteln an ihr Ziel zu gelangen. Dazu werden weitere Mitläufer gesucht, welche durch sehr einfache, klare Feindbilder überzeugt werden. Das wir, die westliche Welt, auch ein Teil des Problems sind, darf nicht vergessen werden. Ein anschauliches Beispiel dafür sind die "klaren" Grenzziehungen, unabhängig von irgendwelchen Kulturstämmen etc. in den afrikanischen und arabischen Ländern, welche in der Kolonialzeit vollzogen wurden.

Du sprichst von einer objektiven, nachvollziehbaren, sachlichen Wahrheit. Diese gibt es m.E. nicht. Frage mal einen Juristen nach dem Wahrheitsbegriff. Die Wahrheit wird auch nur von Menschen bestimmt, geteilt und ausgelegt und unterliegt auch dem Zeit- und Kulturgeist. Selbst ein 1+1 ist ein theoretisches Gedankenkonstrukt, welches uns jetzt logisch erscheint.

Ich bin in der DDR sozialisiert wurden und auch Atheist wie Du. Dennoch sehe ich die Religion nicht so negativ. Sie stellt für mich eine Idee dar. Die Suche nach einem Sinn im Leben, welcher nicht die Offensichtlichkeiten des Alltags zum Maßstab nimmt. Das finde ich völlig in Ordnung, gerade in Zeiten, in welchen ständig unser Gesellschaftsbild, unsere Demokratie als alleiniger Maßstab verkündet werden (Stichwort Leistungsgesellschaft, Lobbyismus).

Die von Dir skizzierte wissenschaftliche Vernunft ist m.E. schwierig. Die Atombombe wurde von der Wissenschaft entwickelt. Auch im 3.Reich wurde die Wissenschaft bemüht. Auch dort wurde von Vernunft und Wahrhaftigkeit gesprochen (z.B. Rassenideologie). Eine gesellschaftliche Idee nur auf einer "objektiven" Wissenschaft aufzubauen reicht nicht. Es bedarf eben einer weiteren Idee. Wie wichtig diese sein kann, beweist die Geschichte: Gandhi, friedliche Revolution der DDR.

Und ein letzter Gedanke zum Thema. Auch Religion entwickelt sich weiter. Da Religion nun mal auf Glauben aufbaut, kann diese in viele Richtungen gedeutet werden. Im Namen der Bibel wurde getötet, geforscht, gerettet etc. Es liegt an den Menschen selbst den Rahmen auszufüllen. Dies ist aber bei allen Dingen im Leben so und kein religiöses Problem. Auch in der "objektiven" Wissenschaft gibt es verschiedene Strömungen.
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  #3  
Alt 16.11.2015, 09:06
airrud airrud ist offline
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Ich empfehle: „Der islamische Faschismus. Eine Analyse“ von Hamed Abdel-Samad
https://itun.es/de/Jn_c3
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  #4  
Alt 16.11.2015, 09:17
saxophonmusikant saxophonmusikant ist offline
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Beiträge: 817
Hagen Rether:
"Ich bin Atheist, Gott sei dank." :o)

Jörn, voll(st!)e Zustimmung!
Großartig und wahr geschrieben!
__________________
"Donald schau, die Wunder werden nicht alle!" (Gustav Gans)
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  #5  
Alt 16.11.2015, 09:37
luposmart luposmart ist offline
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Beiträge: 166
Die Logik oder die Wissenschaften benutzen die Methode der Falsivizierbarkeit um ihren Erkenntnisstand zu erweitern und neue Zusammenhänge zu begreifen um die großen Fragen der Menscheit und nach dem Aufbau des Universiums zu verstehen. Dabei wird unentwegt das, was man glaubt zu wissen auf den Prüstand gestellt. Wir sagen in der Physik "Eine Theorie muss an der Realität scheitern können!" Man muss die Vorhersagen die gemacht werden also später nachweisen können. So kann ein einziges Experiment die komplette Theorie zum Fall bringen. Und das ist auch gewollt. Dann heißt es: "Wäre schön gewesen, ist aber nicht so!" Und die Arbeit geht weiter. Und das muss man wirklich mögen; sich selber immer wieder in Frage zustellen.

Aber genau das können Religionen im allgemeinen nicht!

Das Argumentationskonstrukt der Religionen hält nur durch viele nicht wiederlegbare und nicht überprüfbare Thesen zusammen, zudem das Infragestellen des eigenen 'Wissens' meist eine der größten Sünden ist.

Sich Wissen zu erarbeiten ist mit harter Arbeit verbunden und wenn man glaubt etwas zu wissen weiß man das nur so lange, bis man etwas besseres weiß. Wie viel einfacher ist es da einfach nur zu glauben.
__________________
MacBook Pro 13" Retina late 2013 | iPhone 6 | iPad Pro 9,7"
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  #6  
Alt 16.11.2015, 11:12
Aloxus Aloxus ist offline
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Registriert seit: 06.03.2014
Beiträge: 532
@tortentor: Ich muss dir da widersprechen. Ich greif mir mal zwei Punkte raus.

1) Du bezeichnest Religion nach einer Idee, nach einer Suche nach Sinn etc. Wäre das so, sähe ich das auch positiv. Aber Jörn hat sich im ersten Beitrag schon dazu geäußert, dass institutionalisierte Religion wenig mit Suche zu tun hat, auch wenn das alle behaupten. In der Religion sind die Antworten nämlich schon von außen vorgegeben. Im allgemeinen durch irgendwelche alten, tausendfach übersetzten und veränderten Bücher mit zweifelhaftem Ursprung, oder durch Dogmen religiöser Führer. Beides soll nicht angezweifelt oder kritisiert werden.
Oder wie oft wird Sonntags in der Kirche offen über die Entstehung des Lebens oder des Universums diskutiert? Da steht eine Person und gift die Meinung vor. Und so ist das bei praktisch allen Religionen.

2) Ich weiß, Vergleiche mit dritten Reich sind heikel, aber du hast damit angefangen. Du reihst dich in eine Argumentation ein, die Folgendes sagt: Nämlich, dass die Religionen nicht die Ursache für all die schlimmen Sachen sein können, da auch atheistische Systeme teilweise viel schlimmere Dinge getan haben. Die Aussage halte ich für gefährlich.
Die Nazis oder auch die Stalinisten waren nur atheistisch, wenn man es wörtlich nimmt und auf das Nicht-Glauben an einen persönlichen Gott bezieht. Aber sie waren keinesfalls atheistisch im Sinne von nicht religiös! Alles daran, Kult, verkündete "Wahrheiten", vergötterte Ideale, die nicht angezweifelt werden dürfen... All das sind Parallelen zur Religion. Daher spricht man auch von Pseudoreligionen.
Genausowenig darf man unterstellen, dass diese Systeme irgendwie im wissenschaftlichen Denken verhaftet waren. Sie haben Wissenschaft benutzt, für sehr schlimme Dinge. Das tuen aber auch die heutigen Terroristen (jeder Coleur), wenn sie ihre Anschläge mit Smartphones planen oder ihre Waffen im Internet ordern.
Wissenschaftliches Denken bedeutet hinterfragen, anzweifeln, versuchen zu falsifizieren, kritisch denken etc. Nichts ist weiter von absolutistischen ideologischen Denkweisen entfernt. Und auf die Vernunft beziehen sich ausnahmsweise alle. Aber wer behauptet von sich schon unvernünftig zu denken oder zu handeln? Das wäre ja ein Eigentor.

Um dem ganzen ein wenig die Schärfe zu nehmen:
Ich vergleiche nicht jeden Christen und jeden Moslem mit Nazis und Stalinisten. Ich vergleiche die Systeme und sehe starke Parallelen.
Das ist vollkommen unabhängig von den einzelnen Vorstellungen und Zielen der jeweiligen Religion oder Ideologie. Es geht darum, wie diese Vorstellungen zustande kommen und ob sie hinterfragt werden dürfen oder sogar sollen.
__________________
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  #7  
Alt 16.11.2015, 11:51
Janhagel Janhagel ist offline
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Registriert seit: 05.01.2008
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Beiträge: 227
Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass ich mit dem von Jörn geschriebenen Text weitgehend nicht übereinstimme und die Schlussfolgerungen in keiner Weise teile.
Allerdings halte ich es kaum für möglich, ein so tiefgreifendes Thema in einem Forum sachgemäß zu diskutieren. Man sollte so etwas im direkten persönlichen Austausch tun, vor allem um Missverständnisse zu vermeiden.

Den Ruf nach einer vernünftigen Debatte kann man stets nur begrüßen. Mir scheint jedoch bereits der Stil dieses Textes nicht dafür geeignet, denn es wird zwar zu Beginn von einem "gewissen Respekt vor Religionen und religiösen Menschen" gesprochen, im Verlauf der Argumentation jedoch stets abwertende Begriffe wie "(schmalziger) Aberglauben", "Mythos", "atemberaubende Absurdität", "heilige Märchenwelt", "magischer Zaubergarten" und "Irrsinn" verwendet, die zwar von der sprachlichen Gewandtheit des Autors, aber gerade nicht von Offenheit und Respekt gegenüber den Menschen zeugen, die ihren Glauben und ihre heilige Schrift ernst nehmen.

Spannende Fragen ergeben sich in jedem Fall aus dem Text. Gibt nun die Wissenschaft oder eine Religion für mich persönlich befriedigende oder gar für die Menschheit wegweisende Antworten auf die großen Fragen, die das Leben und die Geschichte stellen? Ist die seit der Aufklärung zum Maß aller Dinge bestimmte menschliche Vernunft das Heilmittel für alle unsere Probleme, nach dem die Religionen vergeblich gesucht haben? Leben religiöse Menschen grundsätzlich immer fern von jeglicher Vernunft und lässt sich diese keinesfalls mit dem Glauben an einen Gott vereinbaren?

Insbesondere in der Schlussfolgerung, dass sich die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme der Menschen dadurch lösen lassen, dass wir uns nur kulturübergreifend zusammen setzen müssen und dann auch argumentativ auf einen gemeinsamen Nenner einigen können, wie das Zusammenleben auf unserem Planeten in Harmonie und Frieden gelingen kann, halte ich für unrichtig.
Gerade das vergangene Jahrhundert hat doch wie nie zuvor deutlich gemacht, dass Ideologien auch (oder gerade weil) ohne Gott zu menschlichen Abgründen führen können. Können wir wirklich behaupten, dass uns Fortschritt in Wissenschaft und Technik, sowie internationale Beratungen und Gipfel heute zu einer friedlicheren, gerechteren und allgemein besseren Welt geführt haben?
Wollte man in dem Dictus des Textes bleiben, könnte man das als einen absurden Gedanken, eine kindlich-naive Vorstellung oder eine hollywood-mäßige Oberflächlichkeit betrachten.
Aber wie gesagt, für eine offene, freundliche, aber in der Sache hart geführte Debatte, lassen wir doch lieber solche Begriffe weg und versuchen zunächst nur Verständnis zu zeigen, dass Wahrheit, Vernunft und sogar die Einschätzung wissenschaftlicher Erkenntnisse sehr unterschiedlich ausfallen können.

Geändert von Janhagel (16.11.2015 um 13:13 Uhr).
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  #8  
Alt 16.11.2015, 12:50
saxophonmusikant saxophonmusikant ist offline
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Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
[...]es wird zwar zu Beginn von einem "gewissen Respekt vor Religionen und religiösen Menschen" gesprochen, im Verlauf der Argumentation jedoch stets abwertende Begriffe wie "(schmalziger) Aberglauben", "Mythos", "atemberaubende Absurdität", "heilige Märchenwelt", "magischer Zaubergarten" und "Irrsinn" verwendet, die zwar von der sprachlichen Gewandtheit des Autors, aber gerade nicht von Offenheit und Respekt gegenüber den Menschen zeugen, die ihren Glauben und ihre heilige Schrift ernst nehmen.
Den MENSCHEN gegenüber gilt es, Respekt zu zeigen. Aber nicht deren Glauben.
Ich bin nicht automatisch respektlos einem Menschen gegenüber, wenn ich dessen Glauben für groben Umfug halte.

Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
Gibt nun die Wissenschaft oder eine Religion für mich persönlich befriedigende oder gar für die Menschheit wegweisende Antworten auf die großen Fragen, die das Leben und die Geschichte stellen?
Warum kann man die großen Fragen nicht so lange offen lassen, bis man sie beantworten kann?
Warum wollen Menschen immer eine Antwort haben, und wenn sie keine haben, dann erfinden sie eine? Das nennt sich dann "Religion".
Ich bin der festen Überzeugung (ich könnte auch sagen, ich "glaube"), dass es z.B. keinen "Sinn des Lebens" gibt, den man suchen oder finden könnte.
Das ist aber nicht schlimm, denn es BRAUCHT gar keinen Sinn zum Leben.
Die Dinge sind wie sie sind. Übrigens weit entfernt von "gut".

Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
Leben religiöse Menschen grundsätzlich immer fern von jeglicher Vernunft und lässt sich diese keinesfalls mit dem Glauben an einen Gott vereinbaren?
Ja und ja.

Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
Insbesondere in der Schlussfolgerung, dass sich die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme der Menschen dadurch lösen lassen, dass wir uns nur kulturübergreifend zusammen setzen müssen und dann auch argumentativ auf einen gemeinsamen Nenner einigen können, wie das Zusammenleben auf unserem Planeten in Harmonie und Frieden gelingen kann, halte ich für unrichtig.
Es wäre die einzige Lösung!
Oder hast Du einen ebenso Erfolg versprechenden Vorschlag?
Allerdings ist es (vermutlich leider) richtig, dass das NICHT passieren wird.

Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
Gerade das vergangene Jahrhundert hat doch wie nie zuvor deutlich gemacht, dass Ideologien auch (oder gerade weil) ohne Gott zu menschlichen Abgründen führen können. Können wir wirklich behaupten, dass uns Fortschritt in Wissenschaft und Technik, sowie internationale Beratungen und Gipfel heute zu einer friedlicheren, gerechteren und allgemein besseren Welt geführt haben?
Menschliche Abgründe existieren mit oder ohne Religion.
Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik kann uns helfen, ggfs. noch offene Fragen zu beantworten.
Natürlich kann erworbenes Wissen missbraucht werden. Wissenschaft "an sich" ist ja weder gut noch böse. Man kann sich über Moral unterhalten. All das aber auch ohne Religion oder Glaube.

Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
Wollte man in dem Dictus des Textes zu bleiben, könnte man das als einen absurden Gedanken, eine kindlich-naive Vorstellung oder eine hollywood-mäßige Oberflächlichkeit betrachten.
KÖNNTE? Ich KANN das...

Zitat:
Zitat von Janhagel Beitrag anzeigen
Aber wie gesagt, für eine offene, freundliche, aber in der Sache hart geführte Debatte, lassen wir doch lieber solche Begriffe weg und versuchen zunächst nur Verständnis zu zeigen, dass Wahrheit, Vernunft und sogar die Einschätzung wissenschaftlicher Erkenntnisse sehr unterschiedlich ausfallen können.
Können sie eigentlich nicht, wenn sie wirklich wissenschaftlich sind und nicht z.B. als Vorwand herhalten müssen (wie z.B. die angeblichen Analysen irgendwelcher Institute, die im Auftrag der Wirtschaft entstehen und entsprechend immer das vorher gewollte zum Ergebnis haben)
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  #9  
Alt 16.11.2015, 14:37
Janhagel Janhagel ist offline
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Ich möchte dazu antworten, dass es sehr viele intelligente und gebildete Menschen auch in verschiedenen Wissenschaften gibt, die an Gott glauben und dies ohne Weiteres mit ihrem Fach in Einklang bringen können. Ob man sich nun einen atheistischen oder gläubigen Vertreter daraus als Vorbild nimmt, ergibt sich wiederum aus der Frage, welche Überzeugung man schon selbst vorher hatte.
Intelligenz, Vernunft oder Zurechnungsfähigkeit generell Menschen absprechen zu wollen, die an Gott glauben, halte ich für nicht möglich.

Zu Sinn und Fragen des Lebens: Ich denke, dass es dem Menschen zutiefst zu eigen ist, sich Fragen nach der Sinnhaftigkeit seines Daseins zu stellen. Neugier ist die Triebfeder für Kinder sich zu entwickeln und dazu zu lernen. Für Wissenschaftler sind ungelöste Fragen der Grund, weiter zu forschen. Für jeden Menschen ist es mehr oder weniger wichtig, ob das was er im Leben tut, irgendeine Bedeutung hat.
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  #10  
Alt 16.11.2015, 15:03
saxophonmusikant saxophonmusikant ist offline
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Alles richtig.

Am Ende der Quarks&Co-Sendung, die ich jüngst in dem "andern" Thread verlinkt habe, tauschen sich zwei Wissenschaftler aus, einer ist religiös.
Nach meinem Empfinden glaubt der aber "anders" an Gott als die allermeisten Menschen. Eben nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit seiner Wissenschaft. Ich kann das bestenfalls ansatzweise nachvollziehen, aber das ist nicht das, was man gemeinhin als Religion bezeichnet, MEINE ich. Trotzdem ist er ganz sicher ein gläubiger Mensch.

Zum Sinn: Es ist eben nicht leicht, wenn man sich selbst Bedeutung geben muss, wenn man (als Atheist) erkennt, dass Glaube oder Religion das nicht kann.
Diese Bedeutung entsteht dann aus dem eigenen Handeln, das meinetwegen etwas produziert, oder dem Feedback anderer Menschen, denen man hilft. Sowas in der Richtung.
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