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Mac-TV.de - Einzelnen Beitrag anzeigen - Corona-Endlosthread
Einzelnen Beitrag anzeigen
  #1260  
Alt 23.01.2021, 07:24
Jörn Jörn ist gerade online
Administrator
 
Registriert seit: 05.01.2008
Beiträge: 9.139
Eine Frage an die Moderation: Sind hier auch gelegentliche Rants erlaubt? Falls ja, bitte ich um wohlwollende Kenntnisnahme folgender Einlassungen.

Das Thema der letzten Tage war der angeblich verpatzte Impfstart. Es brachte ans Tageslicht, dass die EU und Deutschland zu wenig Impfstoff bestellt hätten. Die Kritiker empfehlen, man hätte nicht 500 Millionen Impfdosen ingesamt bestellen sollen, sondern 500 Millionen bei jedem möglichen Hersteller. Die Kosten wären dennoch deutlich geringer gewesen als die Kosten eines Lockdowns.

Obwohl ich diese Logik verstehe, vermisse ich dabei jedoch einen Aspekt, der mir wichtig ist, und der nach meiner Wahrnehmung zu selten gehört wurde.

Der Kern der oben skizzierten Empfehlung besteht darin, dass die EU insgesamt so reich und mächtig ist, dass sie einfach das Geld auf den Tisch knallen kann, um alle Bestände aufzukaufen. Dem wiederum liegt die Annahme zugrunde, dass ein solches Verhalten statthaft ist. Und weiter, dass wir ganz selbstverständlich zu den Gewinnern zählen würden. Und weiter, dass andere zu den Verlieren zählen werden. Und dass wir das akzeptieren.

Würden wir zu den Verlierern zählen, würden wir uns sofort darüber empören, wie unethisch ein solches Verfahren wäre. Wenn allein die Chinesen über einen Impfstoff verfügten, während der Rest der Welt mit seinen Forschungen noch im Dunkeln tappte; und wenn die Chinesen sich weigerten, diesen Impfstoff herauszurücken — dann würden wir lange Artikel lesen, wie verwerflich und verkommen die Chinesen wären.

Wie auch immer die genauen Umstände ausfielen — sobald wir zu den Verlierern gehören würden, würden wir unsere Mitmenschlichkeit entdecken, und dass die Menschheit eine große Familie sei, und dass wir nur gemeinsam das Virus besiegen können. Aber sobald wir die Gewinner sind — dann heißt es, warum haben wir nicht einfach alle Bestände aufgekauft? Sollen doch die anderen sehen, wo sie bleiben!

Es gibt ein Sprichwort, das lautet ungefähr: Die Moral des Menschen beweist sich dann, wenn er überlegen ist. Wenn man keinen Impfstoff hat, dann kann man leicht große Reden schwingen. Aber wenn man ihn in der Hand hält, dann steht man vor der kniffligen Frage, ob man tatsächlich etwas abgeben möchte.

Die Frage ist deswegen knifflig, weil sie ein Dilemma darstellt. Ein Dilemma liegt vor, wenn es keine Lösung gibt, sondern wenn jede Option zu schweren Nachteilen führt. Wenn wir im eigenen Land 1.000 Tote pro Tag (!!) haben, dann muss man zweimal überlegen, ob man eine Kiste mit Impfstoff tatsächlich nach Afrika schickt. Ich kann verstehen, wenn einem die eigenen Kinder wichtiger sind.

Aber was wäre mit einem Kompromiss? Beispiel: Wir impfen jetzt alle besonders schweren Risiko-Gruppen bei uns; das steht uns zu, weil wir es auch bezahlen, und weil das unser Gerechtigkeitsempfinden beruhigt. Doch anschließend gilt dann das Schema: "Get one, gift one". Bedeutet: Für jede weitere Impfdosis, die wir für uns selbst verwenden, spenden wir eine Dosis an andere, zumindest solange dort die Risikogruppen ungeschützt sind, und dann sieht man weiter.

Die Situation in den armen Ländern wird einerseits bestimmt durch das Virus, andererseits durch den Impfstoff. Die Verfügbarkeit des Impfstoffs hängt mit uns zusammen. Das ist ein wichtiger Sachverhalt. Denn der Grund, warum manche Länder auf Jahre keinen Impfstoff bekommen werden, liegt schlicht darin, dass wir sie am Verhandlungstisch ausgebootet haben. Unser Erfolg ist deren Niederlage.



Wir Deutschen empören uns über das Bild mit dem Lastwagen, in dem nur eine einsame Palette mit Impfstoff zu sehen war. Jens Spahn musste sich sofort rechtfertigen: Wieso bekommen wir nicht mehr? Aber viele Länder schauen mit glasigen Augen auf diese Palette, weil sie wissen, dass sie komplett leer ausgehen werden, während es bei uns jetzt losgeht.

Mein Punkt ist, dass wir einen Fehler machen, wenn wir nur darüber diskutieren, wie wir die kräftigsten Ellenbogen von allen haben. Ich finde zudem, dass sich die deutsche Gesellschaft unterfordert. Wir sind im Grunde gute Leute. Die Politik hätte keine große Mühe, uns mehrheitlich davon zu überzeugen, dass wir hier etwas Gutes für die Welt tun können. Gerade von den zwei C-Parteien hätte ich das erwartet.

Ich kann diesen Rant leider nicht beenden, ohne den Scheinwerfer auf das Zentrum der Moral zu lenken: den Vatikan. Dort hat man zehntausend Impfdosen bestellt, um fünftausend Mitarbeiter impfen zu können. Wer mal im Vatikan zu Besuch war, weiß: Dort ist so viel Reichtum versammelt, dass man schier nicht weiß, wohin damit. Es gibt eine Grenze zwischen reich und obszön. Ein Spaziergang durch den Vatikan offenbart eine derart überbordende Sammlung an Gold und Gepränge, dass sie auf mich obszön und geradezu wahnhaft wirkt.


Bild oben: Einer der Durchgangsflure zwischen den Sälen des Vatikanischen Museums.

Papst Franziskus, der Hüter der westlichen Moral, Anführer von 1,3 Milliarden (!) Christen, bestellt also Impfdosen nur für seine fünftausend Mitarbeiter, anstatt zu sagen: "Wir spenden zehn Millionen Impfdosen aus unserer Kasse, und wir rufen alle Christen dazu auf, eine Dosis zu je 50 Euro zu spenden, und wer nur 5 Euro spenden kann, hilft genauso." Stattdessen: Keine Spende, kein Aufruf. Das Geld bleibt im eigenen Säckel; für die eigene Mannschaft ist gesorgt; und der Rest der Welt bekommt warme Worte. Ist das wirklich das Beste, was wir ethisch zustande bekommen? Man muss sich ja schämen.

Einige Links dazu:

Ärzte ohne Grenzen zum Corona-Impfstoff
Spenden

Aktion Deutschland hilft (ein Bündnis deutscher Organisationen)
Spenden

UNICEF
Spenden

Geändert von Jörn (23.01.2021 um 07:59 Uhr).
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