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Mosaiksteinchen


29.03.2022   In Apples größten Momenten konnte man als Anwender verfolgen, wie sich die einzelnen Mosaiksteinchen langsam zu eine Gesamtbild fügten. Berühmt ist die Produkt-Matrix von Steve Jobs. Er begann mit dem bunten iMac, dann folgte der futuristische PowerMac G3, um schließlich die zwei Laptops hinzuzufügen.



Für die Kunden war das eine spannende Zeit. Steve Jobs hatte die simple Matrix kurz nach seiner Rückkehr zu Apple als offizielle Strategie der Firma verkündet. Man wusste daher, welche Produkte noch ausstanden. Stück für Stück fügte Apple zusammen, was später als Gesamtbild vor uns stehen sollte.

Das galt nicht nur für die Hardware. Auch die Betriebssystem-Software änderte sich vor unseren Augen. Die erste Version von OS X verwendete lediglich den modernen UNIX-Unterbau von NextStep, behielt aber das User-Interface von Mac OS 9. Es wurde für Server-Anwendungen verkauft, während Apple weiter an der finalen Version schraubte. Aber man konnte bereits sehen, wie moderne Technologien Einzug hielten.



Es folgte eine spektakuläre Keynote, auf der Steve Jobs ein komplett neues User-Interface präsentierte — nach meiner Ansicht eine der besten Keynote-Präsentationen aller Zeiten. Im Publikum war es mal mucksmäuschenstill, mal flog ein Raunen durch die Reihen, mal brach es aus in tosenden Beifall.



Spannend waren eben nicht nur die Produkte, sondern unser Wissen darum, dass es sich stets um Mosaiksteinchen handelte. Das Gesamtbild sollte später einen Gegenentwurf darstellen zur übermächtigen (aber langweiligen) Windows-Welt.



Diese Strategie der Mosaiksteinchen ließ sich bei Apple immer wieder beobachten. Der iPod, die tolle iTunes-Software und später der iTunes Store waren jeweils gute Produkte, aber begriffen als Mosaiksteine zeigten sie ihre wahre Cleverness. Das komplette Bild war mächtig genug, um die Musikindustrie zu revolutionieren. Auch das iPhone war zunächst ein weiteres Steinchen, das in das Bild aus iPod und iTunes eingefügt wurde.

Das ist alles lange her. Wo sind die heutigen Mosaiksteinchen?

Wenn man den Mac betrachtet, dann ist es schwierig, in den letzten zehn Jahren die einzelnen Mosaiksteine zu einem Bild zusammenzufügen. Schlüsseltechnologien blieben seltsam isoliert, anstatt als Steigbügel zu dienen für weitere Erfolge.

  • Thunderbolt, definitiv eine Killer-Technologie, wurde vermutlich nur von Fachleuten überhaupt wahrgenommen. Es gab nie eine wesentliche Anwendung, auf die alle PC-Anwender geschielt hätten mit der wehmütigen Feststellung: »Sowas geht halt nur auf dem Mac und mit Thunderbolt«.

  • Retina-Displays blieben vor allem den Laptops vorbehalten. Apple hatte zwar viele Kunden, denen eine feine Auflösung wichtig gewesen wäre. Aber Apple machte ihnen auf dem Desktop kein Angebot, abgesehen vom iMac 5k. Dabei wäre das eine sichtbare Anwendung für Thunderbolt gewesen.

  • Der iMac 5k, unbestritten ein grandioses Produkt, stand verlassen als ulkiges Kuriosum in der Modellpalette. Wieso hatte ein komischer iMac plötzlich ein derart professionelles Display? War es der Anfang einer Entwicklung? Nein, es folgte nichts.

  • Dann begann die Wiederbelebung des Mac Pro. Ein völlig isoliertes Produkt, dafür sorgte bereits sein Preis. Keine seiner Technologien (wie etwa die neuartigen MPX-Module) tauchte je irgendwo wieder auf, sodass die meisten Leser, die sich allesamt intensiv mit dem Mac beschäftigen, vermutlich längst vergessen haben, was MPX-Module sind. (Es sind Steckplätze mit zusätzlichen Anschlüssen für Daten und Strom). Würde es irgendwann eine massentaugliche Version geben? Nein.

  • Das exzellente XDR-Display steht quasi synonym für diese Isolation. Komplett abgehoben von den Bedürfnissen der meisten Mac-Anwender bewirkte es nichts für die Mac-Plattform. Es ebnete nicht den Weg für nachfolgende Produkte und bereitete keine neue Massentechnologie vor. Das Display ähnelt einer verträumten Rapunzel, die sich oben im Turm die güldenen Haare bürstet.

  • Doch die beste Illustration für die mysteriöse Zusammenhanglosigkeit der Technologien ist vermutlich der folgende Screenshot von Apples Webseite. Wir sehen ein iPad mit M1-Prozessor, Thunderbolt und 6k-Display.



Nach Apples Ansicht demonstriert das Bild, wie gut alles zusammenpasst: iPad, iPadOS, M1, Thunderbolt und 6k. — Aber von Anwendern höre ich nur Rätselraten, warum das iPad den starken M1-Prozessor bekommen hat, oder warum Thunderbolt integriert wurde, oder warum iPadOS existiert, oder warum das iPad nie eine vernünftige Ausgabe auf externe Displays bekommen hat. Es fehlt eine einleuchtende Verbindung all dieser Dinge.

Zum Vergleich: OS X, das Aqua-Design und die damals aktuellen Macs haben sich gegenseitig als Verkaufserfolge gestärkt. iPod, iTunes, iTunes Store und auch das iPhone haben sich gegenseitig gestärkt. iPhones, iPads und die iCloud haben sich gegenseitig gestärkt.

Trotz dieser Mysterien erleben wir gerade eine Renaissance des Macs. Der Mac, nicht das iPhone, ist derzeit das interessanteste Produkt bei Apple. Es hieß stets, beim Personal Computer sei nicht mehr viel Bewegung drin. Heute, mit den neuen Prozessoren, weiß man, wie falsch das war. Stattdessen heißt es nun, Smartphones wären weitgehend zu Ende entwickelt und man könne nicht mehr viel erwarten.

So schnell ändern sich die Dinge. Aber warum?

Apple verbindet derzeit wieder die Mosaiksteinchen beim Mac, wie man es aus den besten Zeiten von Steve Jobs erinnert. Es wirkt endlich wieder als hätte jemand einen großen Plan. Die jahrelange Fortentwicklung der A-Prozessoren für das iPhone zahlt sich plötzlich beim Mac aus. Das Mosaiksteinchen lässt das ganze Bild in einem anderen Licht erscheinen.



Die M1-Prozessoren sind nicht nur schnell, sondern sie unterstützen sehr zielgenau jene Aufgaben, die Apple und seine Kunden bewältigen wollen. Fotos sollen automatisch erkannt und verschlagwortet werden, also verfügt der Prozessor über die Neural Engine. Videos sollen in verschiedene Formate überführt werden, also bietet der Prozessor leistungsfähige Media-Engines. Schnelle und langsame Kerne berücksichtigen intelligent, dass der Anwender im Vordergrund flott arbeiten möchte, aber für die Backups im Hintergrund keine Akkulaufzeit opfern und keine Lüftergeräusche akzeptieren mag. Prozessor, Grafik, und RAM scheinen klug verbunden zu sein. Hingegen wirken Intel-Prozessoren, die bis vor kurzem noch das Nonplusultra darstellten, auf seltsame Weise unkoordiniert — als ob der große Plan dahinter fehlen würde.

Das neue Studio Display ist zwar teuer. Aber es ist die fehlende Verbindung von Macs, Thunderbolt, Retina-Technologie und dem darauf optimierten macOS. Wenn man es als verbundene Einheit betrachtet, dann ist es auch nicht mehr so teuer, weil sich die Vorteile gegenseitig verstärken. Das grandiose Rendering von Schriften unter macOS kommt eben auf einem 5k-Display besonders gut zu Geltung. Wer ein MacBook benutzt, freut sich über die Verbindung mit nur einem einzigen Kabel, und sein MacBook wird außerdem noch aufgeladen. Gleichzeitig wacht macOS darüber, dass eine schädliche Dauer-Aufladung verhindert wird. Als einzelne Features ist das alles nett, aber als Kombination ist es sehr gut.

Endlich verbindet Apple seine Technologien wieder. Die Integration des A13-Prozessors mag krude aussehen. Aber warum sollte es Center Stage nur auf den iPads geben, nicht aber auf dem Mac? Warum verfügt die iPhone-Kamera über eine aufwendige Pipeline zur Verbesserung der Bildqualität, nicht aber der Mac? Mit dem A13 Bionic wird endlich wieder Gerechtigkeit hergestellt. Denn was für ein iPhone recht ist, ist für den Mac billig. Hooray for the Mac!



Der neue Mac Studio verbindet all das. Apple nutzt die Prozessor-Entwicklung, die man vermutlich nur mit einem Millionen-Seller wie dem iPhone finanzieren kann, endlich auch für den Mac. Der Mac Studio wird dadurch so leistungsfähig und gleichzeitig so stromsparend, dass die meisten Kunden keine zusätzlichen Grafikkarten, keine Steckplätze und keine aufwändige Kühlung benötigen werden. Dadurch erreicht endlich wieder ein Profi-Mac einen Preis unter 2.000 Dollar. Und dann passt auch noch ein 5k-Display ins Budget. Alles zusammen nicht billig — aber nur bei Apple zu haben.



Eine solche Verbindung der Mosaiksteinchen braucht es jetzt noch für den Mac Mini. Wenn dieser einen M1 Pro oder Max bekäme, vielleicht für 1.499 Dollar, dann erhielte man für 2.998 Dollar ein äußerst beeindruckendes System inklusive 5k-Display. Nach meiner Ansicht ist dieser Preis ein »Sweet Spot« für viele Anwender.

Apple hat endlich wieder die richtigen Mosaiksteine auf dem Tisch. Jetzt muss Tim Cook sie nur noch richtig zusammensetzen. Wer weiß? Vielleicht starten wir ein weiteres Mal in eine goldene Epoche für den Mac. Diskussion im Forum