Fenster schliessen
 | RSSImpressum | Login logo
logo



Lightning Madness


24.04.2022   Das Europäische Parlament hat einen weiteren Schritt unternommen, um USB-C zum vorgeschriebenen Standard zum Aufladen kleinerer elektronischer Geräte zu erheben. Noch sind nicht alle Hürden genommen, um es als gültiges Gesetz zu verkünden. Aber natürlich fragt sich jeder, wie Apple reagieren wird. Wird das iPhone endlich umsteigen auf USB-C? Und sind wir dann in alle Ewigkeit drauf festgenagelt?

Diesen Fragen sind wir bereits in einigen Sendungen nachgegangen, deswegen kann ich mich hier auf ein paar Details beschränken, die aktuell sind.



Aktuell ist der Mac. Alt ist das iPhone — in dem Sinne, dass sein Reboot mit dem iPhone X schon recht lange zurückliegt. Der Mac hat seinen Reboot gerade erst gefeiert, mit M1-Prozessoren, neuen Mainboards, neuen Tastaturen, neuen Displays und neuem Betriebssystem (auch wenn es optisch aussieht wie zuvor).

Alt ist Apples Entscheidung für Lightning beim iPhone. Die Gründe sind bekannt, es gab damals nichts Besseres. Es enstand ein großes Ökosystem an Zubehör. Man kann das nicht so einfach ändern.

Aktuell ist Apples Entscheidung, solche Änderungen dennoch durchzuführen, nämlich beim neuen Mac und auch bei den neuesten iPad Pro. Es ist USB-C in Kombination mit Thunderbolt 4.

Aber der werte Leser möge seine Aufmerksamkeit auf folgendes Bild richten:



Der neue Mac Studio freut sich über eine neue Tastatur, erstmals mit Touch ID. Aber sie hat einen Lightning-Anschluss. Der Mac Studio hat aber kein Lightning, sondern USB-C. Apple legt ein Adapter-Kabel bei, um sie am Mac aufzuladen.

Warum?

Was hat Lightning am Mac verloren? Bei einem brandneuen System?

Die Idee, dass Lightning eben aus historischen Gründen existiert, und dass das iPhone eben eine besondere Nische darstellt, trägt nicht. Es gab keine Zwänge beim Mac, die Lightning erfordert hätten. Auch ältere Macs könnten die neue Tastatur verwenden, wenn Apple einfach ein passendes Kabel beigelegt hätte.

Einerseits hat Apple uns Mac-Anwender viel Geduld (und Geld) abverlangt, um USB-C als alleinige Schnittstelle für alles durchzusetzen. Andererseits sorgt Apple weiterhin dafür, dass wir die Adapter nicht loswerden.

Trotzdem kann jeder Besitzer eines M1-Macs sehen, mit wie viel Sorgfalt sie konstruiert wurden, bis in winzigste Details. Es muss eine einleuchtende Erklärung geben. Aber wie lautet sie?



Natürlich kenne ich die Statements, die Apple gegenüber der EU abgegeben hat. Es handelt sich dabei um allgemeine Erwägungen über Innovation, etwa, dass ein einziger vorgeschriebener Anschluss dafür hinderlich sein könnte.

»We remain concerned that strict regulation mandating just one type of connector stifles innovation rather than encouraging it, which in turn will harm consumers in Europe and around the world.«?— Apple Spokesmen

Aber das erklärt nicht, warum ein Mac keinen Lightning-Port hat, wohl aber USB-C; und warum die dafür konstruierte Tastatur kein USB-C hat, dafür aber Lightning. Soll das etwa innovativ sein?

Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass der typische Apple-Anwender meist ein Lightning-Kabel auf dem Desktop parat hat, weil er damit sein iPhone auflädt. Dort kann er auch seine Tastatur anschließen. Das mitgelieferte USB-Adapterkabel wäre dann nur für Ausnahmen gedacht.

Aber ebenso könnte man einwenden, dass das iPhone am Nachttisch aufgetankt wird, während der moderne Mac-Schreibtisch längst mit USB-C funktioniert.



Aber selbst ein moderner Mac-Schreibtisch dient als Heimat für erstaunlich viele Lightning-Geräte: AirPods Max werden geladen per Lightning, ebenso das Case für die AirPods (ohne Max), dann die Fernbedienung fürs Apple TV, die Apple Watch und natürlich das iPhone. Es wäre also unehrlich, wenn ich behaupten würde, dass auf meinem Schreibtisch kein Lightning-Kabel vorhanden wäre. Wenn ich noch ehrlicher wäre, würde ich sagen, dass ein USB-C-Anschluss an der Tastatur umständlicher wäre als Lightning, denn ein USB-C-Kabel liegt bei mir nicht einfach so herum. Apple könnte es zwar mitliefern. Aber bequemer wäre es, einfach das ohnehin herumliegende Lightning-Kabel einzustöpseln.

Apple-Ingenieure würden darauf vielleicht sagen: »Na also, Blödmann«.

Aber warum haben all die Geräte überhaupt noch Lightning? Da fängt das Problem doch an! Sie haben Lightning, weil sie sehr häufig als Zubehör des iPhones dienen. Und das iPhone hat nunmal Lightning. Folglich haben auch die AirPods diesen Anschluss, folglich liegt ein Lightning-Kabel bei mir auf dem Schreibtisch, und folglich kann ich auch Tastatur und Maus damit aufladen.

You have to sweat the details.

Wie die EU dieses ganze Durcheinander technisch sachgerecht beseitigen will, ist mir ein Rätsel. Aber Apple und die restliche Industrie hatten ihre Chance. Ob’s die EU besser kann, weiß allerdings niemand.