30.12.2025
Der Grusel einer Keynote mit Steve Jobs, falls sich noch jemand daran erinnert, lag nicht nur an den Produkten. Der Grusel hatte seinen Ursprung darin, dass ein Chef auf die Bühne trat, der alles sehr genau nahm. Alles war wichtig.
Man konnte sehen und spüren, dass alle Mitarbeiter ihr Bestes haben, nicht nur auf der Bühne, sondern hinter den Kulissen, an den Kameras, im Rechenzentrum für den Live-Stream. Wenn etwas nicht klappte, dann wusste man, dass niemand verzweifelter darüber war als der Unglücksrabe, der für den Fehler verantwortlich war.
Warum war es so wichtig? Es war wichtig, weil die Produkte wichtig waren; und die Mühe, die man zuvor darin investiert hatte. Die Kunden schauten zu, weil sie wichtig genommen wurden.
Die Dinge sind wichtig, gib Dir Mühe! Das war der heilige Vertrag, den jeder automatisch schloss, der sich in die Nähe von Steve Jobs wagte.
Deswegen konnte man als Kunde zwar weiterhin geteilter Meinung sein, ob ein bestimmtes Produkt nützlich oder überflüssig; ob es zu teuer, zu hässlich oder sonstwie missraten war. Aber es gab keine zwei Meinungen darüber, dass Apple sich größte Mühe gegeben hatte. Apple machte immer seine Hausaufgaben.
Im Fachjargon nennt man das »Execution«. Damit ist die Ausführung gemeint. Die Idee auf dem Papier ist das eine, aber »Execution« ist das andere. Der G4 Cube war vielleicht nicht die richtige Idee zur passenden Zeit, aber die Ausführung war schlicht grandios — so sehr, dass man selbst Jahrzehnte später noch darüber spricht. Die Vision Pro ist vermutlich ein noch deutlicheres Beispiel.
Es gibt auch ein berühmtes Gegenbeispiel. MobileMe, Apples damaliger neuer Online-Dienst, scheiterte nicht an der falschen Idee zur falschen Zeit. Sondern er scheiterte an Execution. Man hatte es nicht rigoros genug getestet; es gab zu geringe Server-Kapazitäten für den ersten großen Ansturm. Das Desaster der ersten Wochen hätte vermieden werden können. Fairerweise muss man hinzufügen, dass noch nie zuvor ein derart komplexer Online-Dienst mit einem derart großen Publikum gestartet worden war. Alle haben daraus gelernt, nicht nur Apple.
Qualität und Konsistenz
Die laute Kritik an Alan Dye bezieht sich nur teilweise auf das Design. Sondern es geht auch um Schlampigkeit. Das ist ein Wort, das in Apples Wortschatz eigentlich nicht existiert. Es geht nicht um seine Idee von »Liquid Glass«. Sondern es geht um Execution, um die Sorgfalt und Mühe, wie es umgesetzt wurde. Ob man an alles gedacht, ob man seine Hausaufgaben gemacht hat.
Meinetwegen soll ab sofort alles aussehen wie Glas (obwohl ich bestreite, dass irgendetwas in macOS tatsächlich aussieht wie Glas). Aber gerade wenn man alles mit neuer Farbe anstreicht, wird man doch wohl bemerken, wenn alles durcheinander geht?
Hier ein Beispiel aus Apple Music. Einfache Frage: Sind die zwei Buttons »AutoPlay« und »AutoMix« aktiviert oder nicht?
Antwort: Sie sind nicht aktiviert, obwohl man denken könnte, die rote Hintergrundfarbe würde genau das bedeuten. Wieso wurden die Buttons rot angemalt, aber doch nicht so intensiv rot, dass man sofort wüsste, dass sie aktiviert sind? Was soll dieses »ein bisschen rot«?
Mittlerweile, mit den jüngsten Updates, hat Apples es korrigiert. Die Buttons sind nun entweder kräftig rot oder nicht. Aber man fragt sich: Wie kann so etwas die monatelange Beta-Phase überstehen und an die Kunden ausgeliefert werden? So enorm viele Button hat die Software nun auch wieder nicht. Übrigens sieht keiner der Buttons aus wie Glas.
Oben auf dem Bild sieht man den Link: »Löschen«. Offensichtlich ist es ein Link, denn es ist ein farbiger Text. Diesmal stimmt es sogar: Der Link löscht die aktuelle Wiedergabeliste bzw. den Verlauf. Aber: Ebenfalls als roter Text steht dort der Name der Playlist. Kann man ihn also anklicken? Antwort: Nein. Warum ist er dann rot?
Das Bild oben zeigt Apples sprichwörtliche Achtsamkeit für Details.
Buttons sind keine Nebensächlichkeiten. Sie müssen klaren Prinzipien folgen, die immer gelten. Wie sieht ein Button aus, wenn er aktiviert ist?
Das Bild unten zeigt den Button (links unten) für die Wiederholung der Playlist; er hat einen roten Hintergrund, weil er aktiviert ist. Ist das also eine Regel: Was aktiviert ist, bekommt einen roten Hintergrund? — Offenbar nicht, denn rechts oben sehen wir die bereits angesprochenen Buttons für »AutoPlay« und »AutoMix« mit der exakt selben Hintergrundfarbe, obwohl sie nicht aktiv sind. Beide haben dieselbe Design-Regel. Warum?
Mal schnell zwischendrin gefragt: Wo wird Apple Music suchen:
Noch eine Frage: Welche Funktionen sind aktiviert, und welche nicht?
Antwort: Alle drei sind aktiviert. Aber zwei sind rot, der dritte ist grau (nämlich der Button für die DJ-Funktion oben rechts). Warum ist das so? Das ist so, weil sich der dritte Button in einer Seitenleiste befindet, und die App ist im Hintergrund. Und deswegen ist er nicht rot, sondern grau, kapiert? Nein? Ist ja auch egal. Übrigens sind andere Elemente, die sich in der Seitenleiste befinden, trotzdem rot. (Ein Beispiel aus dem aktuellen Update 26.2.)
Diese Beispiele haben nicht viel mit Design zu tun, sondern mit Sorgfalt und einer klaren Logik, was das Design dem Anwender mitteilt. Sind diese Dinge denn nicht mehr wichtig für Apple?
Transparenzen
Und dann kommt noch »Liquid Glass«. Ich bin nicht der Meinung, dass Transparenzen eine gute Idee sind, aber ich lasse mich gerne überzeugen. Es kommt wohl darauf an, wie clever man es umsetzt. Execution, da haben wir es wieder.
Wo genau, frage ich, sieht man auf dem Bild unten sowas wie »Execution«? Wo genau, frage ich weiter, könnte ein Designer sagen: »Klar, Transparenzen klingen erstmal nicht nach einer guten Idee, aber schaut mal, wie wir es umgesetzt haben!«
Betrachten wir es ganz genau. Der Hintergrund besteht aus verzerrten Formen, ähnlich einer Bildstörung, keinesfalls wie die hübschen Reflexionen eines Wassertropfens. Das Ergebnis: Aus den Stars der Plattencover werden schreckliche Fratzen.
Kein Designer eines solchen Plattencovers würde jemals behaupten, seine Plattencover kämen nirgends so toll zur Geltung wie bei Apple Music. (Dies ist nämlich durchaus der Fall bei Apples iBooks.) Sondern die Plattencover zwängen sich bei jedem Scrollen durch eine Art optischen Fleischwolf, eine Art Geisterbahn, an dessen Ende man zerzaust und zerrupft zum Vorschein kommt.
Alles im folgenden Screenshot ist hässlich. Die Künstler können einem direkt leid tun:
Hier ist ein Vergleich, wie großartig die Künstler vor knapp zwanzig Jahren zur Geltung kamen:
Man sieht sehr gut, wie die App damals eine Bühne bereitete. Die App ließ die Künstler strahlen. Außerdem war Musik damals teuer und man freute sich, wenn man ein Album gekauft hatte.
Warum war das wichtig? Steve Jobs (der viel dazu beitrug, Musik ins digitale Zeitalter zu heben) kannte noch die analoge Kunst. Er wollte nicht, dass Musik nur noch aus Listen bestand. Dummerweise war aber iTunes genau dies: eine Organisation von Musik in Listen. Umso wichtiger schien es ihm, ein Gegengewicht zu schaffen. Deswegen wurde er nie müde, auf den Keynotes auch die Cover und zusätzliches Material zu zeigen; erst dann war es komplett.
Hier ist, was daraus wurde:
Es ist irgendein Brei aus Buchstaben, und darüber ein anderer Brei aus Buchstaben. Lesen kann man beides kaum; das ist aber egal, denn wen kümmert schon, ob es das zwanzigste Klavierkonzert von Mozart ist? Oder das einundzwanzigste? Oder irgendein anderes? Denn wir schneiden den Text sowieso ab, da der Text für das Design zu lang ist, schließlich muss jetzt alles in diese kleine Leiste passen. Was nicht passt, das hacken wir ab! Execution mal wörtlich genommen.
Falls jemand den Regler für die Lautstärke sucht: Der ist weg. Genauer gesagt, man muss ihn erst einblenden, denn Lautstärke, nein, das ist für eine Musik-App absolut nebensächlich — und es soll ja der Content im Vordergrund stehen, genauer gesagt das Design von Alan Dye.
Wenn jemand zu Steve Jobs gesagt hätte: »Ich habe eine dufte Idee, lasst uns doch den Regler für die Lautstärke entfernen!« — dann möchte ich nicht in der Nähe gewesen sein.
Zum Vergleich präsentiere ich die erste Version von iTunes.
Was für eine Wohltat! Die Titelinformationen stehen bei iTunes 1.0 in einem eigenen Bereich, gut lesbar, direkt in der Mitte. Play/Pause und Vor/Zurück sind sofort zu sehen. Alles ist aufgeräumt, nichts wird verdeckt oder versteckt. Es gibt sogar einen Regler für die Lautstärke, kann man sich diesen verschwenderischen Luxus vorstellen? Man sieht sogar auf einen Blick, dass die Songs nach »Artist« sortiert sind, denn die Spalte ist, bitte ein Tusch, blau! Und man denkt sich: Was ist daran nun verkehrt?
Oben sieht man eine deutlich modernere Version von iTunes, bereits ohne »Brushed Metal«, ohne »Aqua«. Aber weiterhin mit einer klaren Button-Leiste und dem »Content« in seinem eigenen Bereich. Man erkennt den Titel, man weiß, wo man zu klicken hat. Das Design ist klar, aufgeräumt, übersichtlich. Was ist daran nun verkehrt?
Vielleicht bin ich zu hart, und vielleicht wissen die Anwender auch so, wie man eine Musik-App bedient, und die Kids drehen die Lautstärke ohnehin auf Maximum. Also? Vielleicht sollte man dem Design mehr Spielraum lassen.
Einverstanden. Betrachten wir also allein das Design. Betrachten wir, wie bei einer Musik-App oft üblich, wenn sie nicht die vorderste App ist, sondern wenn sie bescheiden im Hintergrund ihren Dienst tut. Dann sieht es so aus:
Was kann man dort sehen? Der Titel der Playlist »The Lady in My Life«, steht ganz oben in hellgrau. Darunter weiterer Text, ebenfalls in hellgrau. Dann das Plattencover. Daneben Buttons in hellgrau, mit Icons in hellgrau. Wenn man kurz etwas einstellen möchte, blickt man also auf dieses User Interface (in hellgrau).
Wo ist hier ein Design zu sehen? Ich sehe nämlich keins.
Und nun?
Ich fasse zusammen. Selbst wenn man die generelle Ausrichtung befürwortet, dann ist die Umsetzung dennoch an vielen Stellen unlogisch oder unvollständig. Es ist schlampig, jedenfalls nicht konsistent. Apple kann diese Schlampigkeiten in der nächsten Zeit reduzieren, aber es ist schon erstaunlich, dass sowas überhaupt ausgeliefert wurde. Diese Dinge sind nicht schwer zu entdecken, schon gar nicht, wenn man zwei Milliarden Kunden hat.
Die Transparenzen sind hinderlich, aber das ist nicht ihr größtes Problem. Ihr größtes Problem besteht darin, dass sie ihre funktionalen Nachteile nicht aufwiegen dadurch, dass sie wenigstens schön wären. Sie könnten schön sein, vielleicht. Aber in der jetzigen Form sind sie hässlich. Sie sind hässlich, weil sich nicht nur an den Kanten ein paar Reflexionen bilden, sondern weil sie den gesamten Hintergrund schrecklich verzerren. Bei Abbildungen von Gesichtern ist es einfach fürchterlich.
Transparenzen sind ein Rückschritt beim User-Interface, denn sie setzen Texte aufeinander. Das ist schlecht lesbar und, erneut, hässlich. Text auf Text ist hässlich. Nichts kann an dieser Tatsache etwas ändern.
Die Idee, das gesamte User-Interface in schwebende Inseln zu zwängen, wie es bei Apple Music geschah, ist falsch. Wenn eine Musik-App dadurch nicht mal den nötigen Platz bietet für einen Lautstärke-Regler, dann muss man darüber nachdenken, ob man das richtige Konzept verfolgt. Button-Leisten sind nützlich. Deswegen muss das Design dafür einen gerechten Platz einräumen. Das Design darf nicht der Feind des User Interfaces sein, das ist der falsche Weg.
2026
Es kann so nicht bleiben. Das weiß auch Apple. Vieles kann man wohl noch optimieren. Aber das Zusammenwerfen von Content und UI ist grundsätzlich falsch, jedenfalls auf dem Mac. Man kann es nicht optimieren, sondern man muss es sein lassen.
Es wäre auch besser, nicht die nächsten Jahre damit zu vergeuden, in winzigen Schritten die Transparenzen zu reduzieren. Es war ein netter Versuch, es war falsch, und Apple sollte es über Bord werfen.
Solche Sachen sind leider technisch recht komplex. Für das Jahr 2026 sollte man sich nicht zu viel erwarten. Zum Glück ist der Mac (und auch seine UI) ein schwerer Tanker, den man nicht so leicht aus der Bahn wirft. Der Mac und auch macOS sind immer noch sehr gut. Es ist keine dringende Eile geboten. Wir warten lieber, bis es ordentlich gemacht ist.
Alan Dye ist zum Glück schon weg. Er war einfach der falsche Designer für den Mac.
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