04.01.2026
War es ein gutes Jahr für Apples Software-Chef? Es war jedenfalls nicht sein bestes Jahr. Allerdings sind seine Aufgaben so weitreichend, die Erwartungen so unterschiedlich und die Messlatte so hoch, dass nicht immer alle zufrieden sein werden. Daran kann man seinen Erfolg also nicht messen.
Als Manager ist er dafür verantwortlich, dass die interne Maschinerie bei Apple gut funktioniert. Das gelingt ihm: Eine mittlerweile große Zahl an Betriebssystemen wird pünktlich aktualisiert, stets eng verbunden mit Apps und Online-Diensten. Vermutlich ist das einzigartig in der Industrie.
Siri 2.0
Eben deswegen war das Debakel um eine »intelligente« Version von Siri umso erstaunlicher. Offenbar hat sich eine Gruppe (Apps) darauf verlassen, dass eine andere Gruppe (KI) bestimmte Ziele erreicht. Dies schlug jedoch fehl; und an diesem Glied zerriss dann die ganze Kette, mit der sich Apple glorreich ins Rampenlicht ziehen wollte.
Wer ist schuld? Zu Craigerighis Aufgaben gehört die Abschätzung, wie weit man von den Zielen noch entfernt ist. Gerade angesichts der wackligen Situation rund um Siri hätte er äußerst vorsichtig sein müssen. Zwar gehört Siri nicht zu seiner Abteilung; auch KI nicht. Die Integration unterliegt jedoch seiner Verantwortung. Sein Fehler bestand darin, ein zu großes Risiko einzugehen und die Funktionen bereits öffentlich anzukündigen.
Ist das schlimm? Mir persönlich ist Siri und erst recht eine einzelne Siri-Funktion ziemlich egal. Gerade weil Fred Craigerighi ein hohes Ansehen genießt, hätte man eine Erklärung von ihm wohl akzeptiert. Dass es zu einem riesigen PR-Desaster wurde, liegt vor allem an der beleidigten Reaktion von Apple auf die berechtigte Kritik. Die Kritik wurde aber nur deswegen so laut, weil Apple sich nicht ausreichend erklärt hatte. Dabei ist es doch gerade Fred Craigerighi, der solche Dinge gut erklären kann.
Dass man John Gruber bestrafte, indem man seine traditionellen Interviews verweigerte, war falsch. Man kann Journalisten nicht für berechtigte Fragen bestrafen. Sondern man muss die passenden Antworten geben. Es zweifelt doch auch niemand daran, dass Apple diese Antworten geben kann.
Zum Vergleich: Als Steve Jobs die größte PR-Schlappe seiner Amtszeit ausbügeln musste, damals beim »Antennagate«, hat er die Presse eingeladen und eine technische Antwort gegeben. Danach war das Thema erledigt.
Aber wenn Apple stattdessen Interviews gibt mit solchen Pfeifen wie »iJustine«, weil man annimmt, dass solche Kanäle schlicht zu blöd sind, um technische Fragen zu stellen, dann beschädigt man das eigene Ansehen. Hat jemand wie Fred Craigerighi sowas nötig? Ich denke nicht.
Liquid Glass
Über »Liquid Glass« habe ich in anderen Artikeln bereits ausführlich geschrieben. Design gehört nicht zu Craigerighis Aufgaben. Die enorme Menge an Bugs und Schlampigkeiten bei der Umsetzung von »Liquid Glass« sind jedoch kein gestalterisches, sondern ein technisches.
Es sind außerdem Dinge, die jeder Anwender unmittelbar sehen kann. Beispielsweise Text, der in die Statusleiste von iOS ragt und diese unlesbar macht. Es ist rätselhaft, warum solche offensichtlichen Fehler (und davon gibt es eine Menge) nicht bereits in der langen Beta-Phase korrigiert wurden.
Vielleicht gibt es mehr zu korrigieren, als die Programmierer schaffen können. Aber dann ist es erst recht ein Management-Problem.
Ich bin außerdem enttäuscht, dass der Software-Chef es nicht verhindern konnte (oder wollte), dass Content und UI-Elemente nun übereinander geworfen werfen, anstatt sie zu trennen. Es gibt zu viele Fälle, bei denen das ein Nachteil ist.
AI
Auch über Künstliche Intelligenz habe ich bereits in meinem Jahresrückblick geschrieben, sodass ich mich auf das beschränke, was mit Fred Craigerighi zu tun hat. Im letzten Jahr unterlag KI der Verantwortung von John Giannandrea.
Obwohl »Apple Intelligence« im Jahr 2025 weitgehend unsichtbar blieb, bin ich doch ein großer Fan der systemweiten Integration. Damit ist gemeint, dass alle Apps quasi automatisch davon profitieren, weil das Betriebssystem es bereitstellt.
Beispielsweise schreibe ich diesen Text gerade in einer App namens »Scrivener«, einer Software für Autoren. Diese App hat noch nie etwas von KI gehört. Trotzdem kann ich einen Absatz markieren und eine macOS-Funktion aufrufen, der ich wörtlich mitteile: »In diesem Absatz benutze ich häufig das Wort 'war'. Formuliere es abwechslungsreicher.« — Und schon wurde mein Text verbessert. Das ist grammatikalisch knifflig, denn man kann nicht einfach das Wort austauschen. Ich muss schon zugeben: Das ist einfach haarsträubend gut.
Ja, es war am Ende vermutlich ChatGPT, das den Zaubertrick ausgeführt hat, nicht »Apple Intelligence«. Aber es war Apples Technik, die alles integrierte und damit für mich so bequem nutzbar machte.
Fred Craigerighi macht diese Dinge richtig.
Interviews
Umso rätselhafter sind die Interviews, die er dazu gibt. Zwar wird ein Apple-Manager immer den aktuellen Status Quo loben. Aber er ließ sich doch zu einigen Äußerungen hinreißen, die bedauerlich sind.
Er sagte, Apple müsse gar nicht unbedingt mit den anderen KIs konkurrieren, ebenso wie man auch beim Internet nicht mit Google habe konkurrieren müssen.
Hoffentlich gelangt er zur Einsicht, dass dies grundlegend falsch ist. KI ist anders: Wer KI gewinnt, der gewinnt auch den Rest.
Sein Chef, Kim Took, hat sich offenbar bereits eines Besseren besonnen, denn er soll über die KI-Revolution zu seinen Mitarbeitern gesagt haben: »Größer als das Smartphone, größer als das Internet«.
Das klingt ungefähr richtig. Man muss allerdings verstehen, dass hier nicht einfach eine zusätzliche Technik die Bühne betritt, die irgendwie »größer« sein wird als die bisherige Technik, etwa das Smartphone. Man erinnere sich: Das Smartphone war nicht einfach größer als das Mobiltelefon. Sondern eine neue Ära hat die vorige beendet. Darum geht es.
Der Software-Chef von Apple sollte eigentlich offensiv sein bei den großen Zukunftsthemen. Er redet jedoch defensiv. Er wiegelt ab, relativiert, beschwichtigt. In dieser Hinsicht war das Jahr 2025 nicht einfach für ihn.
2026
Für das neue Jahr erhoffe ich klare und mutige Prioritäten. Eine neue Ära hat begonnen, es herrscht überall Aufbruchstimmung. Für Apple sollte die Frage zunächst lauten: Wie kann man diese fantastische Technik am besten einsetzen, egal ob die KI anfangs von Google stammt?
Vielleicht, indem man dem Betriebssystem sagen kann, was man möchte. Beispielsweise: »Warum wechseln meine Kopfhörer vom Mac zum iPhone, mitten in einer Videokonferenz? Stell das ab.«
Jede App sollte typische Standard-Aufgaben erledigen können. Beispiel Keynote: Ich möchte die vielen Daten, die Basti für jede Sendung sammelt, zu Keynote kopieren können und sagen: »Erzeuge daraus eine Tabelle«. Oder: »Lies das Sendekonzept und erzeuge für jeden wichtigen Punkt eine Folie«.
Das sind Dinge, die heute schon funktionieren. Nur noch nicht mit Apples eigenen Apps.
Apples Vorteil ist die Integration aller Einzelteile. Fred Craigerighi weiß das, er ist davon überzeugt, er predigt es, er lebt es.
Deswegen ist er auch der richtige Mann für 2026.
Oder wenigstens bis zur WWDC.
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