05.01.2026
Nach nüchternen Zahlen beurteilt ist Tim Cook der erfolgreichste Apple-Chef aller Zeiten.
Kritiker könnten vielleicht einwenden, dass Apple von Steve Jobs in eine derart komfortable Lage gebracht worden war, dass selbst ein Eichhörnchen als CEO ausgereicht hätte, um zur erfolgreichsten Firma der Welt zu werden.
Aber selbst seine Kritiker werden anerkennen, dass Tim Cook gut versteht, was Apple ausmacht, und dass er daher nicht blind einem ihm unverständlichen Erfolgsrezept folgte. Sondern weil er es gut verstand, konnte er überall kleine und große Korrekturen vornehmen, damit Apple in einem sich rasch wandelnden Umfeld erfolgreich blieb. Sein Erfolg ist verdient.
Dieser erfreuliche Ausgriff in seine bisherige Amtszeit bereitet den Leser geschickt vor auf die weniger erfreuliche Bewertung für das Jahr 2025. Es war vielleicht sein schlechtestes Jahr.
Seine Zahlen sind hervorragend. Aber es gehören eben noch andere Dinge dazu, von denen jetzt die Rede sein wird.
Tim Apple im Oval Office
Sein Gemauschel mit Donald Trump hat viele Apple-Anwender irritiert und auf Abstand gehen lassen. Warum Tim Cook überhaupt regelmäßig im »Oval Office« zu sehen ist und warum er aus seinem privaten Vermögen buchstäblich eine Million Dollar an Trumps peinliche Krönungszeremonie stiftete, ist nicht einzusehen.
Auch der begeisterte Applaus von Tim Cook (stehend!), als Donald Trump glückstrunken ausrief, Gott persönlich habe ihn auserwählt, um die USA zu führen, ist an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Der Ausruf ist ebenso peinlich wie der Applaus.
Ich behaupte nicht, ich wüsste etwas über die politischen Ansichten von Tim Cook. Das ist seine Privatsache. Aber was öffentlich zur Schau gestellt wird, darf auch öffentlich bewertet werden. Tim Cook hat sich die Loyalität der Kunden nicht nur durch die Produkte erworben, sondern auch durch Haltung. Seine Haltung zu »gay rights« (ich verwende hier den englischen Begriff, weil sich außerhalb von Texas in keinem zivilisierten Land noch jemand daran erinnern kann, was das überhaupt sein soll) und sein Engagement für Bürgerrechte war für viele Kunden ein wichtiger Grund, sich für Apple zu entscheiden. Man war auf der richtigen Seite.
Diese Dinge sind heute von großer Bedeutung. Warum? Weil zentrale Knotenpunkte von Wirtschaft und Gesellschaft mittlerweile von relativ fragwürdigen Gestalten aus dem Silicon Valley kontrolliert und bestimmt werden, denen aber die Konsequenzen einerlei sind. Ob wir unsere Gesellschaft langsam durch Hass, Hetze und Desinformation zerstören, entscheiden die Besitzer von Instagram, YouTube und Twitter (vormals X). Neuerdings kommt noch TikTok aus China dazu, was einen Hinweis darauf gibt, was ich von dieser Plattform halte.
Die großen IT-Firmen kommandieren plötzlich eine gesellschaftliche und politische Macht, die sich de facto der Demokratie entzieht. Umso wichtiger ist es, dass diese mächtigen Leute das Herz auf dem richtigen Fleck haben. Bei Tim Cook war ich mir da immer ganz sicher. Das ist vorbei. Und das geschah 2025.
Chefsache
Tim Cook war unter Steve Jobs tätig als COO, der für das »Räderwerk« verantwortlich ist: Lieferketten, Produktion, Lagerhaltung, Wirtschaftlichkeit.
Auch als CEO kann man ihm attestieren: Der Laden läuft. Tim Cook hat die Sache im Griff. Apple ist in seiner Zeit derart viel größer und komplexer geworden als noch zu Zeiten von Steve Jobs, dass es beinahe einem Wunder gleicht, dass überhaupt noch jemand durchblickt. Tim Cook dirigiert ein gigantisches Orchester. Aber anders als bei anderen großen Konzernen ist bei Apple alles mit allem verknüpft. Ich kann das nur bewundern.
Damit das funktioniert, muss man fast alles delegieren. Nur besonders wichtige Projekte überwacht der Chef selbst. Diese sind weitgehend gescheitert.
Die Vision Pro ist gescheitert. Ich sage das ohne Vorwurf. Aber ich hege doch den Verdacht, dass man es hätte wissen können.
Das Apple Car ist gescheitert. Leider weiß man zu wenig über dieses Projekt, als dass man die genauen Umstände wüsste. Aber das Ergebnis ist eindeutig.
Der Siri-Neustart ist gescheitert. Ich meine nicht das Debakel nach der WWDC 2024, sondern den ganz normalen Siri-Wahnsinn. Zwar lag Tim Cook richtig damit, das maschinelles Lernen eine wesentliche Komponente dafür darstellt. Deswegen holte er John Giannandrea zu Apple — und in der Tat hat Apple große Erfolge bei maschinellem Lernen vorzuweisen. Bloß wurden Siris Antworten dadurch nicht besser. (Besser wurde vor allem die Verarbeitung von Audio-Signalen, diese ist in der Tat fantastisch gut.)
Aber der größte und wichtigste Flop ist »Apple Intelligence«. Ich werde noch in einem anderen Artikel mehr dazu schreiben (vielleicht!), aber in Zusammenhang mit dem CEO ist entscheidend: Der CEO muss nicht nur das Tagesgeschäft beherrschen, sondern muss auch den weiteren Horizont im Auge behalten. Zu schnell wird man durch eine neue Technologie ausgebootet.
Zwar hatte Tim Cook immer wieder ambitionierte Projekte gestartet, um Zukunftstechnologien zu erkennen und marktreif zu machen, bevor es andere taten. Man denke an Virtual Reality und den LiDAR-Sensor der iPhones, der sich mittlerweile als weitgehend nutzlos erwiesen hat. Die Vision Pro gehört dazu, meinetwegen auch das Apple Car. Das ist keine Kritik: Apple muss solche Risiken eingehen. Aber gerade dadurch ist es so haarsträubend, dass Apple bei Künstlicher Intelligenz so blind war — und lange blieb.
2026
Tim Cook ist ein guter Manager. Es soll angeblich auch helfen, wenn man die Taschen voller Geld hat. Wie man hört, stapeln sich bei Apple zudem die Genies bis unter die Decke. Das sind gute Voraussetzungen.
Für das neue Jahr gibt es nur eine einzige Priorität: Künstliche Intelligenz. Dieses Thema alleine wird darüber entscheiden, ob Apple das neue Nokia wird, oder ob Apple auch diese Welle zu seinem Vorteil nutzt. Die Smartphone-Ära, als Zentrum der Innovation, ist vorbei. Tim Cook muss sich dieser Realität stellen. Irgendwann würde dieser Moment ohnehin kommen, und jetzt ist er da.
Für das iPhone ist KI eine nette Zutat, eine Bequemlichkeit. Aber für den Mac sind es die berühmten Siebenmeilenstiefel: Alles geht plötzlich viel schneller. Man kann sich mutigere Ziele setzen. Man kann Dinge lernen, von denen man dachte, dass man sie niemals lernen würde. Man kann erschaffen, anstatt nur zu konsumieren. Das alles macht den Mac so besonders.
Ich möchte unbedingt diesen Mac der Zukunft haben.
(Alle Bilder des Artikels: (c) by Apple.)
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