»Kapier’ das endlich, Du blödes Ding!«
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15.08.2026
Bislang war es klar, an wen sich dieser verzweifelte Ausruf richtet: an den Computer. Seit es Computer gibt, verzweifeln Anwender an ihnen. Daran haben auch KI-Modelle nichts geändert. Im Gegenteil! Die angebliche Intelligenz erwies sich als begriffsstutzig, sobald man mehr von ihr forderte als nur Dosenwissen aus Wikipedia.
In den letzten drei Monaten hat sich das komplett gewandelt. Die besten Frontier-Modelle sind nun so schlau, dass sie längst verstanden haben, was der Anwender erst noch verstehen muss. Ist die KI plötzlich schlauer als der Mensch?
Es ist genau diese Frage, die den Chefs der großen KI-Labore in jedem Interview gestellt wird: Wann erreichen wir endlich AGI, »Artificial General Intelligence«, also eine KI, die in allen Fachbereichen so schlau ist wie ein menschlicher Fachmann?
Wikipedia: »Künstliche allgemeine Intelligenz (englisch Artificial general intelligence – AGI) ist die Intelligenz eines hypothetischen Computerprogramms, das die Fähigkeit besitzt, jede intellektuelle Aufgabe zu verstehen oder zu lernen, die ein Mensch ausführen kann.«
Ist das bereits erreicht? Intelligenz auf menschlichem Niveau ist nicht leicht zu beurteilen. Beispielsweise würden wir von einem Biologen nicht erwarten, dass er die gleiche Expertise auch für Physik vorweisen kann. Aber bei KI meint es tatsächlich eine solche »allgemeine« Intelligenz. Um sie zu erreichen, muss die KI sozusagen eine Abschlussprüfung in allen Fächern bestehen — was dann aber eindeutig schlauer wäre, als es irgendein Mensch für sich behaupten kann.
Ebenfalls wichtig: Die KI muss dafür nicht alle Aufgaben fehlerfrei lösen. Sondern sie muss bei den Prüfungsaufgaben nur so viele Punkte erreichen, wie ein normaler Fachmann auf diesem Gebiet erreichen würde. Denn auch ein guter Mediziner wird nicht 100 Prozent erreichen.
Man muss nicht abwarten, bis die KI bei allen Fachbereiche so gut abschneidet, um einen Eindruck zu gewinnen, wie eine solche Welt aussehen mag. Sondern man kann sich einzelne Fachbereiche anschauen, bei denen es heute schon gelingt. Beispielsweise bei der Entwicklung von Software.
Bei der Entwicklung von Software ist die Frage, ob die KI bereits menschliches Niveau erreicht hat, weitgehend beantwortet. Ich kenne keinen Programmierer, der so gut programmieren kann, wie es die neuesten Modelle von OpenAI und Anthropic können. Die allerbesten Programmierer sind vermutlich besser, aber auch sehr viel langsamer. Und Tempo spielt durchaus eine Rolle.
Wenn man die verschiedenen Aspekte eines Software-Projekts auf die Waagschale legt: Planung, Programmierung, Geschwindigkeit — dann schlagen diese Frontier-Modelle mittlerweile jeden Programmierer um Längen. Es ist ungefähr ein Unterschied wie zwischen einem Porsche und einem Fahrrad. Der Vergleich ist nicht übertrieben. Lediglich wenn man einen dieser Aspekte außer Acht lässt (etwa Geschwindigkeit), hat der Mensch überhaupt noch eine Chance.
Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die neuesten Modelle innerhalb einer Stunde komplexe Programme entwickelten, für die man normalerweise ein halbes Jahr benötigt. Ich werde gleiche so ein Beispiel zeigen. Es geht mir hier jedoch nicht um Programmierung, sondern darum, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ändert.
Was genau hat sich verändert?
Meine eigene Rolle hat sich in den letzten paar Monaten völlig gewandelt. »Kapier’ das endlich, Du blödes Ding!« — diesmal bin ich es, der damit gemeint ist. Und so wird es für den Rest meines Lebens bleiben. Nachfolgende Generationen werden es gar nicht anders kennen.
Bis vor kurzem musste man KI-Modellen sehr ausführlich darlegen, was man möchte. »Prompt Engineering« bedeutete, dass man dem KI-Modell einige Beispiele dafür gab, wie eine gute Antwort aussehen sollte. Man massierte die eigene Logik in die Gedankenwelt des KI-Modells, sodass es die richtige Antwort erträumte. Manche dieser Prompts hatten den Umfang von mehreren A4-Seiten.
Bei den neuesten Modellen ist das schädlich. Sie sind so klug, dass man ihnen nur das Ziel vorgeben sollte. Sie funktionieren am besten, wenn man sie nicht mit zu viel Blabla beim Denken stört.
Ja, es ist wahr. Eine Maschine ist so schlau, dass sie innerlich murmelt: »Störe mich mit Deinem Blabla nicht beim Denken«. Ich hatte mal eine Katze, die gelegentlich einen solchen Gesichtsausdruck aufsetzte.
Früher wusste ich genau, was ich wollte. Meine Aufgabe bestand dann darin, es der dummen KI irgendwie klar zu machen. Heute verhandele ich mit der KI: Ich trage mein Anliegen vor und frage bescheiden, was es von meinen bisherigen Überlegungen hält.
Die KI versteht mein Anliegen so gut und verfügt über so viel Wissen, dass es haarsträubend gute Einschätzungen liefern kann. Sie legt detailliert dar, wo man noch nachbessern müsste und welche Richtungen ich einschlagen könnte. Es denkt an Dinge, die ich übersehen habe.
Es kostet mich inzwischen viel Mühe, darauf angemessen zu antworten, sodass die KI mich nicht schroff anfährt: »Das habe ich doch geschrieben! Kapier’ es endlich!« — Es sind vertauschte Rollen. Plötzlich frage ich vorsichtig, was die Maschine von meinen Ideen hält.
Respekt
Dass ich mich bei der KI erkundige, ist eine Form von Respekt. Das ist neu. Natürlich weiß ich, dass Computer und Software nur aus Schaltern bestehen. Und doch kann ich nicht anders, als die Fachkenntnis, die Hilfsbereitschaft und den unermüdlichen Fleiß dieser Modelle zu respektieren. Ich korrigiere sogar meine Tippfehler, damit mich das Modell nicht für dumm oder schlampig hält. Wir wollen doch auf Augenhöhe zusammenarbeiten?
Diese Zusammenarbeit ist ebenfalls neu. Nie habe ich mit einem Computer »zusammengearbeitet«. Es hat ja auch nie ein Schmied mit einem Hammer »zusammengearbeitet«. Der Mac ist ein Werkzeug. Aber seit ein paar Monaten ist das anders. Der Mac wurde zu einem Kollegen.
Planwirtschaft
Das liegt auch daran, dass ich inzwischen sehr komplexe Projekte mit der KI realisiere, spezielle Apps, für die ich früher ein Jahr lang gearbeitet hätte. Schritt für Schritt erarbeite ich mit der KI zuerst einen gemeinsamen Plan. Das kann gerne einen ganzen Tag dauern, manchmal zwei. Jeden Vorschlag beende ich mit der Frage: »Was hältst Du davon?«.
Erst wenn wir alle Fragen zur beiderseitigen Zufriedenheit geklärt haben, beauftrage ich das Modell, eine Textdatei mit einem definitiven Plan zu erstellen, der dann als roter Faden für die Umsetzung dient. Der Plan enthält Ziele, die einzelnen Schritte, Prüfungen und so weiter. Oft ist der Plan sehr umfangreich, vielleicht zehntausend Worte oder tausend Zeilen. Aber das ist mir egal, denn den Plan schreibt die KI. Allein die Umsicht und Sorgfalt, die in einem solchen Plan steckt, ist verblüffend. Ich würde nie derart sorgfältig und umsichtig arbeiten.
Drei Tricks für Aschenputtel
Solche Pläne sind übrigens einer meiner besten Tricks. Denn ansonsten bleibt man bei dem hängen, was ein einzelner Prompt erreichen kann. Ich sage dem Modell also nicht direkt, was es tun soll. Sondern ich sage dem Modell, wie es den Plan immer weiter verbessert. Erst am Ende folgt dann mein Startschuss. Dadurch kann die KI sehr komplexe Aufgaben erledigen.
Ein weiterer Trick: Ich bezahle. Derzeit sind die klugen Modelle kostenpflichtig. Die Gratis-Modelle liegen in ihren Fähigkeiten weit darunter. Zwischen zehn und zwanzig Euro kosten die guten Modelle pro Monat. (Ich bezahle derzeit ChatGPT mit hundert Euro pro Monat, um zusätzliche Rechenzeit zu erhalten.)
Noch ein Trick: Ich warte. Mein aktuelles KI-Modell ist ChatGPT Sol 5.6 in der Einstellung »Extra High«, was bedeutet, dass es sich besonders viel Zeit nehmen soll, nachzudenken. Es ist dadurch langsam. Ich befolge damit einen Rat eines Ingenieurs von Anthropic, der empfahl, man solle einfach die krasseste Version verwenden, weil die Ergebnisse dann so gut sind, dass man nicht mehr viel korrigieren muss.
Die Ergebnisse, die ich damit erreiche, sind spektakulär. Beispielsweise habe ich mir endlich meinen lang gehegten Wunsch erfüllt, einen eigenen RSS-Reader zu programmieren, um meine zahlreichen News-Quellen besser zu organisieren. Hier ist ein Screenshot:
Die App oben ist das Ergebnis eines technischen Durchbruchs. Bevor sie erstellt wurde, hat sich die KI 40 Minuten Zeit genommen, um den Plan umzusetzen und die App zu programmieren. Eine so lange »Denkdauer« ist erst seit ein paar Monaten möglich. Hier wird auch klar, warum die KI-Anbieter so riesige Rechenzentren bauen: Je länger man für einen Kunden nachdenken kann, desto wertvoller wird das Ergebnis, und desto mehr wird er bezahlen.
Das Ergebnis
Das Ergebnis bestand aus 51 Dateien und etwa viertausend Zeilen Code. Kein Programmierer kann eine solche App in 40 Minuten entwickeln.
Nebenbei: Warum sollte man einen eigenen RSS-Reader programmieren? Beispielsweise hätte ich gerne eine Datenbank für Gerüchte und Fakten. Meine App zerpflückt jede Meldung in seine einzelnen Aussagen. Anschließend werden die Aussagen entweder gespeichert in der Datenbank für Gerüchte oder in der Datenbank für Fakten, jeweils zusammen mit den Quellen. (Hinweis für die jüngeren Leser: Früher trennte man Gerüchte von Fakten. Natürlich kann man auf diese Weise keinen YouTube-Kanal betreiben.)
Das folgende Bild zeigt, wie eine solche Liste an bestätigten Fakten aussieht. Die App hat diese Liste automatisch erstellt:
Das Bild unten zeigt, wie eine Meldung in einzelne Aussagen aufgetrennt wird, die man einzeln prüfen kann. (Hinweis: Das nannte man früher Faktencheck.)
Das Beste: Es ist ein lernendes System. Die App sitzt den ganzen Tag herum und sammelt entweder Gerüchte oder Fakten; und es lernt, sie zu trennen. Wie diese Trennung funktioniert, verrate ich ein andermal. Bei allen Trennungen gilt: Es ist kompliziert…
Das Bild oben zeigt, wie einzelne Fakten auf Prüfung warten und eventuell korrigiert werden.
What a difference a month makes…
Es brauchte nur ein paar Monate, höchstens ein halbes Jahr, um die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Eben war ich noch schlauer als die KI, und jetzt ist sie schlauer als ich und gleichzeitig so rasend schnell, dass ich es nur staunend bewundern kann.
Die Fortschritte in den kommenden 6 Monaten werden noch deutlich größer ausfallen. Es geht immer schneller vorwärts. Ob sich dadurch meine Rolle erneut ändert?
Alle großen KI-Labore drängen inzwischen darauf, die Regierungen mögen sich auf ein System einigen, um das Tempo zu verringern (»Pacing the Frontier« heißt die Initiative). Es heißt, man müsse den Menschen wenigstens eine minimale Zeit einräumen, um sich anzupassen.
Das bedeutet, dass man die KI künstlich dümmer stellt, als sie tatsächlich ist. Und zwar so dumm, dass wir wieder ausrufen können: »Kapier’ das endlich, Du blödes Ding!«
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