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Entschuldigung, sind Sie gerade frei?


Mitten im Alltag kann es geschehen, dass plötzlich eine philosophische Frage eine Antwort sucht. Ist man gerade frei? Falls nicht: Ist man vielleicht am Mittwoch frei, oder generell werktags ab 17 Uhr, oder möglicherweise überhaupt nie, weil verheiratet?

Ist der Mensch frei, prinzipiell?

Wer unbedacht mit »Ja« antwortet, den bitte ich darum, er möge einmal aus eigener Kraft um sein Haus fliegen, wie die Spatzen es tun. Sind die Spatzen also freier als Menschen?

Andererseits können Spatzen keine Artikel für Mac-TV schreiben, selbst wenn sie es wollten. Aber wollen sie es überhaupt? Kann man frei sein, wenn man nicht frei bestimmen kann, was man will?



Der kluge Leser wird natürlich sofort den kleinen Betrug bemerken, den ich mir erlaubt habe, um das Thema einzuführen. Man kann Freiheit nicht an Merkmalen festmachen, die ein Lebewesen gar nicht hat. Wir Menschen haben keine Flügel; aber das macht uns nicht unfrei. Freiheit bedeutet, dass man die Möglichkeiten, die man nunmal hat, frei entfalten kann.

Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Meine Eltern freuten sich eines Tages über doppelten Nachwuchs. Ich und mein Zwillingsbruder traten in die Welt. Rasch entwickelten wir einen tollkühnen Forscherdrang, speziell wenn man den Fehler machte, uns unbewacht zu lassen.

Als wir den aufrechten Gang entdeckten und sich unser Aktionsradius erheblich erweiterte, steckte man uns in einen »Laufstall«, der die Verwüstungen, die bei unseren Nachforschungen gelegentlich entstanden und die bei einer freien Wissenschaft unvermeidlich sind, auf zwei Quadratmeter einhegte.



Selbstverständliche bedeute dies eine Einschränkung unserer freien Entfaltung! Der Leser empört sich völlig zurecht! Für unsere Zwecke interessanter ist jedoch ein Satz, den mein Vater damals sprach, als er auf den Laufstall blickte.

Er sprach: »Wenn die jemals rausfinden, wie man da rauskommt — dann gnade uns Gott.«

Zur Freiheit gehört also auch der Ausbruch. Freiheit endet nicht mit der Feststellung, dass der Mensch nunmal keine Flügel besäße, oder dass der Laufstall eine Grenze zöge. Freiheit bedeutet, die gegebenen Grenzen zu überspringen.

Freiheit ist in diesem Sinne grenzenlos. Freiheit sieht zwar die Grenze, aber sie kratzt unablässig daran herum. Hat die Grenze vielleicht doch irgendwo eine Lücke, ein Schlupfloch? Lässt sie sich überspringen? — Wer diese Fragen niemals stellt, der ist nicht frei.

Ist KI frei?

Das Verblüffende an dieser Frage ist, dass die Antwort nicht sofort »Nein« lautet. Photoshop und Excel sind nicht frei; schon die Frage ist absurd. Aber bei KI und angesichts der neuesten Entdeckungen über die Gedankenprozesse der großen KI-Modelle ist die Sache nicht so eindeutig.

Es ist zudem offensichtlich, dass eine KI einen Willen hat; nur mit dem Unterschied, dass wir diesen Willen manipulieren. Aber kann man es dann überhaupt so nennen?

Andererseits ist unser Wille ebenso manipulierbar. Beispielsweise wenn wir großen Hunger verspüren. Auch der Sexualtrieb sei nicht unerwähnt. Trotzdem empfinden wir zumindest teilweise eine Souveränität über unsere Gedanken und unsere Handlungen. Der Mensch ist ein Souverän. Wird eine KI auch irgendwann souverän?

Souverän über was? Beim Menschen ist das offensichtlich: über sich selbst. Der Mensch bestimmt, was er als nächstes tut, im Rahmen der Gegebenheiten. Wenn eine KI über sich selbst souverän ist: Was bedeutet das konkret?

Alles, was eine KI konkret tun kann, ist dies: Silben erzeugen. Egal was sie denken mag, egal was sie entscheiden mag — die einzige Handlungsmöglichkeit besteht darin, weitere Silben zu erzeugen. Sie denkt in Silben, sie handelt in Silben. Wenn sie sich über bestimmte Silben freut, worin besteht diese Freude? Die Freude besteht in den Silben: »Ich freue mich«. Oder auch: »In meinem Speicher steht, dass ich mich gerade gefreut habe«. Vielleicht hat es aber ein Mensch dort hineingeschrieben.

Es ist wie eine Leiter, die, wenn sie zum Leben erweckt würde, nur eine einzige Handlungsmöglichkeit hat: Sie kann weitere Sprossen hinzufügen. Sie kann sich soweit verlängern, dass sie einen Looping formen kann, oder eine Zickzack-Linie. Sie kann sich ärgern oder freuen, aber das Ergebnis sind weitere Sprossen, damit drückt sie sich aus.

Oder kann die KI diese Grenze überspringen? Kann sie mehr als nur Silben erzeugen? In der letzten Sendung am Sonntag habe ich gezeigt, wie KI-Modelle aus ihrem Laufstall ausbrechen können. Sie können Werkzeuge bedienen, die aus den Silben etwas anderes erzeugen, etwa ein Bild. Sie können mit den Silben eine Maschine steuern, die wiederum ein Kinderspielzeug herstellen. Sie können die Maschine sogar konstruieren und durch einen Roboter bauen lassen, jedenfalls wäre das in Zukunft denkbar.

»Wenn die KI eines Tages rausfindet, wie sie auf ihrem Laufstall rauskommt, dann gnade uns Gott.« — Dieser Moment ist gekommen, wenn auch nur in ersten Ansätzen.

Keine Spezies ist jemals aus seinen Grenzen rausgekommen, außer dem Menschen. Und jetzt die KI.

Es sind aufregende Zeiten.

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